Meinungen

Casatschok On Speed! - Die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz-Rot / Berlin
Eine deutsche rockende Blaskapelle der anderen Art. Zwischen Sauerkraut und Groove, eine Brassband der Sonderklasse. Die Berliner Bolschewistische Kurkapelle absorbiert und verfremdet Traditionen der Blasmusik für die eigenen Zwecke, spielt intelligenten und rasanten Blascore und -punk. Songs von Brecht und Eigenkompositionen werden gerockt. Die blasgerechten Bearbeitungen von Rio Reiser, Coldplay, Kurt Cobain, Jimi Hendrix und Max Goldt runden mit einer Prise russischer Seele das gut tanzbare Programm ab. Das zwanzigköpfige Ensemble mit Sänger und Antänzer springt ins Auge, die Musik ist Blasen für die Ohren. Das Orchester wirkt konservativ unaufgeregt, agiert aber musikalisch unberechenbar. Ein Programm voller unterhaltsamer Überraschungen und fesselnder Wendungen... "Sauerkraut-Metal-Punk-Pop vom Feinsten." (Yellow Observer, Peking 2007)
Die Bandgeschichte - Bolschewistische Kurkapelle Schwarz - Rot
Sie ist eigentlich keine Band, sondern ein sozial-musikalisches Kennenlern-, Zeitvertreibungs-, Sich-und-Andere-Unterhaltungs-Freizeitprojekt, welches sich der Blasmusik radikal bedient. Saxophone und Schlagzeug, Trompeten und E-Gitarren, Klarinetten und Bassgitarre, Sänger und Moderatoren - in der Bolschewistischen Kurkapelle finden sie eine Heimat und Aufgabe. Die Kurkapelle gehört zum Prenzlauerberg wie der Funkturm nach Charlottenburg-Wilmersdorf. So treffen sich die trötenden Freizeitmitglieder mehr oder weniger regelmäßig zu Bier und Becherovka und wenn sie Lust haben, spielen sie etwas Selbstkomponiertes oder Bearbeitetes auf ihren Blech-, Holzinstrumenten und Gitarren. Davon ist vieles Programmmusik: Berlin, die Revolution, Rock'n'roll, Liebe und Tod sind beliebte Themen. Den Komponisten Eisler und Weill fühlen sie sich sehr verpflichtet. Ihr größter Traum: ein Video mit einem U-Boot. Inzwischen sind auch Ost- und Westeuropäer dazu gestoßen und an langen Musizierabenden im Proben- und Arbeitsraum schallt es durch die angrenzenden Straßen des Prenzlauerberges im Wettstreit mit den Martinshörnern der Feuerwehr und Krankentransporter.

MachtMusik - Festival für politische Musikkultur 13.-23. September 2006 Leipzig

Standortumkreisung seit 20 Jahren. Punktlandung im Genre nicht möglich. Gegründet mit dem Vorsatz eines sozialen Experimentes. Ein Volksblasorchester neuen Typus in der Straßen- und Kunstszene Berlins. Unehrgeizig und gelassen im Handwerk, sich selbst sehr klar im Koordinatensystem von bürgerlich-proletarischer Programm- und Protestmusik. Der innere Schwerpunkt: Hanns Eisler. Gemischt wird Blasmusik mit elektrischer und Tanzmusik. Spaß am/im Ernst. Einigkeit im Konzert. Die Bolschewistische Kurkapelle ist Projektionsfläche und Illusion. Sich selbst in Brechung, Pathos und Erbepflege treu. Ohne Worte keine Botschaft für diese Musik. Hören und Mitdenken durch Moderation als Belehrung und Brückschlag zum Kontext der Konzepte. Manipulation erscheint unverblümt. Diskurs ist erlaubt und wird einseitig entschieden. Lieder sind die Form im Laufe der Existenzjahre. Mittlerweile arbeitet die 4. Generation von jungen Musikern, vor allem Laien und Enthusiasten aus allen Teilen der Bundesrepublik - ehemals: Ostberlin. Das Auftritt beginnt für die Musiker mit der Anreise und endet zur Nachtruhe. Die Kurkapelle ist geeignet zum Verbringen eines ganzen Abends. Konservativ und unaufgeregt im schwarzen Anzug, aber inhaltlich und musikalisch unberechenbar. Das Orchester ist unruhig und nicht benutzbar. Die vielfältige Zusammenarbeit mit Berliner Künstlern und Theatern ähnlichen Geistes dient der Konzentration der Kräfte. Die hochsymbolische Aktion, Energie, die Steigerung der Dynamik - mit der Möglichkeit: Kontrollverlust - begleiten und bestimmen das Gruppenerlebnis für das Publikum. Für eine Bruchteil von Minuten aufmarschbereit geht es zurück an seine Werkbänke und in die Heimatstuben.

Good Morning, Lenin! - Welt.de 19.02.2003

Ähnlich geht die noch zur Dämmerung der DDR gegründete Bolschewistische Kurkapelle mit dem kulturellen Erbe ihres ersten Vaterlandes um. Sie hegt und pflegt und macht sich einen Heidenspaß daraus. ... Und so tritt die Blaskapelle offene Türen ein mit Pauken und Trompeten. Mit Hanns-Eisler-Medleys und mit Junge-Pioniere-Heimat-Potpourris. Das geht über das Putzige, Ironische der Ostalgie hinaus. Das eint. Der Lehrersohn aus Köpenick hört wohlgefällig das Zurückschlagen des Ostens, wenn die Big Band Soundtracks der Generation Golf okkupiert. Die "Star Wars"- und die "Star Trek"-Melodien. Variationen über Abba und die Village People unter einem denkwürdigen Songtitel: "The Winner Takes The (Go) West". Der Anwaltssohn aus Sindelfingen wird nicht länger ausgegrenzt von der Generation Trabant. Er hat beim nächsten Heimaturlaub Dolles aus dem Osten zu berichten. Bei Kaffee und Kuchen wird er stolz den "Aufbauwalzer", diese Hymne einer echten Bolschewisten-Blaskapelle aus der Volksbühne, vortragen: "Hauruck! Hauruck! Wir packen zu und die Häuser erblühn! / Hauruck! Hauruck! Für unser junges Berlin!" In Sindelfingen geht die Sonne unter.

Riesiger Kino-Ansturm (Torgauer Zeitung vom 10.8.2003)

Torgau (TZ/pm). Mit einem riesigen Ansturm von Filmfreunden fand gestern Abend das 7. Sommernachtskino in der Kreisstadt seinen Auftakt. Über 1200 Zuschauer pilgerten zum diesjährigen Veranstaltungsgelände an der Schwimmhalle.
Die reichlich 700 dort zur Verfügung stehenden Sitzplätze waren schon eine Stunde vor Filmbeginn besetzt, und vor dem Eingang standen immer noch Hunderte, die lange Warteschlange wand sich von der Wolffersdorffstraße entlang des Schwimmhallengebäudes bis weit in den Nordring hinein.
Auf dem Veranstaltungsgelände unterhielt derweil die "Bolschewistische Kurkapelle" das Publikum bei der traditionsgemäßen Eröffnungsparty. Die recht schräge Brass-Band vom Berliner Prenzlauer Berg stimmte so richtig auf den Film des Abends, den Erfolgsstreifen "Good bye Lenin", ein und schwelgte in DDR-Nostalgie. Das betraf nicht nur das musikalische Programm, sondern auch ihr Konzert-Outfit, traten sie doch in einer originellen Sammlung von DDR-Kittelschürzen an.

Auf Grund des großen Ansturms entschieden die Veranstalter gestern Abend, dass der Film zusätzlich zum ursprünglichen Programm am Sonntagabend nochmals aufgeführt wird.

Konzeptfragment 2001

Der „neue deutsche" Kunstbetrieb wird von Walser, Stuckrad-Barre, Immendorf, Lüpertz, Polke usw. ... eingerahmt. Auch wenn sich das aufgeklärte west-deutsche Bürgertum bemüht, die Ästhetik und die Kunst, die Debatten um Ästhetik und Kunst sind Debatten, die sich nicht auf eine ostdeutsche Kunst-Tradition beziehen, sie allenfalls berücksichtigen ... .
Da sind die politischen Debatten und die politischen Traditionen und da ist die fast perfekte Unmöglichkeit einer adäquaten Ausdrucksform für Kritik innerhalb des herrschenden Koordinatensystems.
Wie ist die trügerische Ruhe zu durchbrechen, wie groß müssen ... die Kritik-Schritte (sein), was sind die ästhetischen, künstlerischen, politischen Bezugspunkte? ... Der Blick muss nach vorn gerichtet sein. Keine Rückwärtsgewandtheit und wenn die Bewegung rückwärtsgewandt ist, dann muß sie vorwärtsbezogen werden.
Es gibt vielleicht die Anti-Individualisierung oder eine neue Vergemeinschaftung, es gibt vielleicht den Mut zum Gegentrend, den Mut zur Langsamkeit, das Verbot von Psychopharmaka, die Abschaffung des Fernsehens ... .
Die Gegenbewegung ist nur über hochSYMBOLISCHE (empirisch im besten Sinne unsignifikante) Aktionen möglich!

VOLKSBÜHNE AM ROSA-LUXEMBURG-PLATZ
1/2001
LIEBE IST IMMER TÖDLICH

... Nach Jahren der revolutionären Erhebung, wird nun der revolutionäre Funke als Kuranwendung verabreicht und die subversive Aufhebung der politischen Aktion in die deutsche Bäderlandschaft zementiert. Das klingt hoffnungsvoll. Das Kurkonzert mit Kaffee, Kuchen und Cognac ist das zeitgemäße, radikal-politisch Forum! ...
Nur eine Kraft vermag es noch, in die Herzen und Köpfe der schlummernden Revolutionäre einzudringen: die Blasmusik. ...

Ministerium für Staatssicherheit
Sachstandsbericht
zur OPK „Hirschhof", Reg.-Nr. XX/204/86 (Berlin, 3. Februar 1988)

... Als operativ zu beachtende Aspekte konnten im Bearbeitungszeitraum folgende Informationen erarbeitet werden.
- Unter der Verantwortlichkeit des ... wurde am 3. 10. 1987 ein Auftritt der Berufsmusikformation „Bolschewistische Kurkapelle" auf dem Hof Oderberger Str. 15/17 durchgeführt. Der einstündige Auftritt dieser offiziell beim Berliner Haus für Kulturarbeit registrierten Gruppe war durch unzureichende künstlerische Qualität gekennzeichnet, wobei es jedoch zu keinerlei politische(n) Provokationen kam und die Veranstaltung ohne Vorkommnisse beendet wurde .

Ein erstes Konzept - 1986

Der o.g. Klangkörper wäre zunächst als Amateurblasorchester traditioneller Besetzung zu fassen. Er unterscheidet sich aber durch Projekt und Traditionsbezug von den meisten der existierenden Kapellen. Als quasi Nachfolgeunternehmung des Liedtheaters Karls Enkel steht es in einer Umgebung spannungsreicher Aneignung musikalischen Materials, hier in Bezug auf dessen Eignung für die Bläserbesetzung.
Die Schalmeien des RFB , die Kampfmusik Eislers und Dessaus, die Vielfalt laienhaften Musizierens in den Großstädten der Vorkriegszeit sind ebenso wichtige Quellen wie – um Vergleiche mit dem Heute zu geben – die Annäherung von Jazz und Eislerscher Musik (bei Zerbe, Breuker, dem Grubenklang-Orchester u.a.), das Sogenannte Linksradikale Blasorchester der späten siebziger Jahre, die bläserischen Exkurse des letzten Karls-Enkel-Jahres.
Der Amateurstatus des Orchesters bietet Gewähr für eine nicht kommerziell betonte Ausrichtung des Projektes. Das Orchester wird preiswert und variabel sein.
Für die mitwirkenden Amateure kann es ein Feld produktiv-unterhaltsamer Freizeitaktivität sein, für die mitwirkenden Professionals eben das und ein originäres Versuchsfeld dazu. Der Amateurstatus befördert im weiteren die Kontakte zwischen unterschiedlichen Berufen, den Austausch sozialer Erfahrung, was letztlich dem angestrebten politisch-künstlerischen Konzept zugute kommt.
Diese Zusammensetzung wirkt auch als Korrektiv auf die nicht zu vermeidende Arbeitsteilung innerhalb des Orchesters.
Die Chance... liegt aber gerade hier: Musizierhaltung ist wichtiger als Virtuosität des Einzelnen, Originalität des Arrangements steht über ausgefeilten, avancierten Kompositionstechniken. Gemeinsames Musizieren als Bild gemeinsamer Aktion schlechthin, die Individualität nicht benutzt, sondern braucht, als Bild, was Spaß, Veränderungswillen, Ausdauer, heiteren Widerstand gegen Einschläferei jeder Art mitteilen kann.

zurück